Gudrun Schröfel Chorphilosopie

Mein Anliegen war immer, auch mit jungen Leuten stimmlich und musikalisch auf hohem Niveau zu arbeiten, sie in die differenzierte Gestaltungsarbeit von Chormusik einzuführen.

So wie der Instrumentalist Zeit braucht, sein Spiel zu entwickeln, so müssen die jungen Sängerinnen lernen, mit ihren noch in der Entwicklung begriffenen Stimmen umzugehen. Deshalb halte ich es für unabdingbar, zusätzlich zur Chorarbeit jedem Mädchen professionellen Gesangunterricht zu erteilen. Nur auf diesem Nährboden kann chorische Qualitätsarbeit stattfinden. Will man das Niveau eines von kontinuierlicher Fluktuation bedrohten Chores dauerhaft halten oder steigern, muß man ihm fortwährend neue Herausforderungen anbieten, um den Ansporn zum persönlichen Leistungswillen zu geben. Durch Juryurteile nach zahlreichen gewonnenen Wettbewerben wachsen die Qualitätsansprüche immer weiter.

Arbeit mit einem Chor bedeutet immer Arbeit am Klang. „Der Mädchenchor Hannover hat einen besonderen Klang“, sagte Andreas Felber auf die Frage nach dem Beweggrund für seine Bewerbung um die Nachfolge.

Mein Vorbild hinsichtlich der Klangbildung und der kammermusikalischen Gestaltung auch von A-cappella-Chormusik habe ich im Studium in Eric Ericson und seinem schwedischen Rundfunkchor gefunden. Es war ein Glücksfall, bei ihm lernen zu dürfen: den Sängerinnen den Weg zu einem flexiblen, stilistisch anpassungsfähigen Klang aufzuzeigen und intensiv am Vokalausgleich und der Vokal-Homogenität zu arbeiten. Nur dann ist ein reiner intonationssicherer Chorklang zu erreichen. Alle chortechnische- und Ausdrucksgestaltung wie Phrasierung, Textpräzision, Agogik etc. zielt natürlich auf ein spannungsvolles stilgerechtes Musizieren, auf eine flexible modulationsfähige und ausdrucksstarke Interpretation. All das in einer – für einen Jugendchor besonders wichtig – konzentriert-lustvollen, offenen, toleranten und kreativen Arbeitsatmosphäre.

Der Mädchenchor hat das gesamte Originalrepertoire von der tradierten Literatur bis hin zu avantgardistisch-experimenteller Musik zur Aufführung gebracht, mit über 40 Auftragswerken das Repertoire für gleichstimmige Jugendchöre erheblich erweitert, nationale und internationale Wettbewerbe gewonnen. Dennoch bleibt es ungeheuer spannend, Interpretationen immer wieder zu überdenken und zu verändern. Junge Menschen sollen die Musik ihrer Zeit kennenlernen und sie im eigenen Musizieren erleben. Komponisten wie Peter Eötvös, Steffen Schleiermacher, Arvo Pärt, Einojuhani Rautavaara, Toshio Hosokawa, Alfred Koerppen, Manfred Trojahn u.a. haben für den Mädchenchor geschrieben. Chorsingen auf hohem Niveau und besonders die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Kompositionen erzeugt im Idealfall ein gemeinsames Streben nach Perfektion, Nicht zuletzt wegen seiner Programme stilistischer Vielfalt wird der Mädchenchor weltweit eingeladen. Er hat ganz Europa bereist, sowie Japan, Brasilien, China, Chile, Russland und Israel. Er hat in hervorragenden Konzertsälen gesungen, z.B. in der Suntory Hall, im Kaiserpalast in Tokio, im Gewandhaus Leipzig, in der Frauenkirche Dresden, im Nationaltheater Beijing. Er arbeitet regelmäßig zusammen mit der NDR Radiophilharmonie, den Ensembles Arte und Oktoplus. Er sang unter der Leitung von Andris Nelsons, Keri-Lynn Wilson, Andrew Manze, Ingo Metzmacher u.a.

Gudrun Schröfel