Konzertchor-Ein Rueckblick

KONZERTCHOR

Gattung Mädchenchor zur Blüte führen: Ein Rückblick.

Gudrun Schröfel

1978–1999 Zweite Dirigentin neben Ludwig Rutt
1999–2017 Künstlerische Leitung
2017–2019 Doppelspitze mit Andreas Felber

Es war ein Glücksfall, den Mädchenchor Hannover über mehr als vier Jahrzehnte, zunächst mit Ludwig Rutt gemeinsam und dann in eigener Verantwortung, leiten zu dürfen.

Ludwig Rutt hatte den Chor musikalisch auf den Weg zu einem semiprofessionellen Klangkörper gebracht, und es oblag mir, die Qualität, den Leistungsstand zu erhalten und den Chor zugleich weiterzuentwickeln. Mein Anspruch war, den intonationssicheren, elastischen, modulationsfähigen und doch voluminösen Chorklang beizubehalten und nach dem Vorbild von Eric Ericsons Stockholmer Kammerchor die jungen Leute zu lustvoller differenzierter Gestaltungsarbeit anzuspornen, wie wir sie aus der instrumentalen Phrasierungskunst der Kammermusik kennen.

Meine Zielsetzung war und ist, den Mädchen intensive Erlebnisse in und mit der Musik zu vermitteln: Sie sollen tief eindringen in den Charakter eines Werkes, sich begeistern für spannungsgeladenes Musizieren, und sie sollen mithilfe ihres Chorerlebens zu reifen Persönlichkeiten heranwachsen. Sie können die Menschen, die ihnen zuhören, mit ihrem Gesang berühren.

 

Wechselwirkung Solo- und Chorgesang

Arbeit mit einem Chor bedeutet immer Arbeit am Klang.

Von fachkompetenter stimmbildnerischer Arbeit an der individuellen Stimme profitiert der Chorklang. Da ich ein Gesangspädagogik-Studium absolvierte und nach meinem Studium einige Jahre im Konzert- und Oratoriumsfach konzertierte, unterrichtete ich neben meiner chordirigentischen Arbeit immer einzelne Chorsängerinnen, um sie solistisch auf den Weg zum Sologesang zu bringen; viele wurden Preisträgerinnen im Bundeswettbewerb »Jugend musiziert«. Schließlich stellte ich für alle Mädchen zusätzlich zur Chorarbeit professionellen Einzelunterricht bei erfahrenen Gesangspädagoginnen und -pädagogen bereit.

Wie dankbar bin ich, Sängerinnenpersönlichkeiten wie Helen Donath, Christiane Iven, Mareike Morr, Ania Vegry u. a. begegnet zu sein,die mit dem Chor konzertiert und einige Chormitglieder in ihren Gesangsklassen weiter ausgebildet haben. Zahlreiche Sängerinnen
haben ihre stimmliche Grundausbildung im Mädchenchor Hannover erfahren.

Gesang-Einzelunterricht bietet den Choristinnen die Chance, solistisch zu singen, und fördert die Bühnenpräsenz bei Konzertauftritten. Der Chor profitiert abwechslungsreichen Programmgestaltung und Rezitals und unterstreicht damit die umfassende Ausbildung seines musikerzieherischen Konzepts von der Basis bis zur Professionalität des Konzertchors.

 

Gesellschaftliche Dimension

Bedingt durch die natürliche Entwicklung, dass eine Chorsängerin maximal bis zum Beginn ihres Studiums im Konzertchor bleibt, gibt es eine spürbare Fluktuation. Aber durch kontinuierliche Arbeit hat der Chor sein Leistungsniveau immer aufrechterhalten und erstaunlicherweise sogar gesteigert. Jede einzelne Person ist wichtig, wenn das künstlerische Ziel, auf höchstmöglichem Niveau zu musizieren, erreicht werden soll.

Die Wechselwirkung zwischen Individualität und Gemeinschaft sorgt für ein gutes Miteinander: singen und gleichzeitig aufeinander hören, ob der Klang mobil, flexibel, ausbalanciert und intonationsrein ist. Die Integration der individuellen Stimme in den Gesamtklang erfordert beim Umgang mit pubertierenden Jugendlichen besonderes Fingerspitzengefühl. Alle müssen bereit sein, sich um eine ausgefeilte, stilgerechte Parameterarbeit zu bemühen, um flexible, modulationsfähige und ausdrucksstarke Interpretationen zu erreichen und auf dieser Grundlage so spannungsvoll zu musizieren wie ein hochkarätiges Streichquartett.

Es ging stets um eine differenzierte melodisch-harmonische Gestaltung der Kompositionsstruktur. Mit Enthusiasmus und Inspiration, aber auch mit Führungskompetenz, erzeugten wir eine konzentriert-lustvolle, offene, tolerante und kreative Arbeitsatmosphäre, was besonders wichtig ist für die durchmischte Altersstruktur eines Jugendchors! Der Umgang mit den jungen Menschen auf Augenhöhe und die respektvolle Anerkennung ihrer Leistung verstärken den Willen, sich für die musikalische Gestaltung der Musik persönlich zu engagieren und die Arbeit auf hohem Niveau zu steigern.

Mir lag daran, dem Chor möglichst viel Verantwortung zu übergeben, mit verschiedenen Choraufstellungen zu experimentieren, mich in den Proben als Dirigentin entbehrlich zu machen. Ich installierte einen Chorrat, der bald selbstständig ein Betreuungssystem für die nachwachsenden jungen Chormitglieder entwickelte. Der Chor wurde zu einer eingeschworenen Gemeinschaft, zu einem kleinen kulturellen Zentrum, was sich sehr positiv auf das Chorleben und die Qualität der Konzerte auswirkte.

Fortwährend neue Herausforderungen stärkten den persönlichen Leistungswillen: Zahlreiche Preise, die der Chor bei nationalen und internationalen Wettbewerben errang, förderten das Selbstbewusstsein und die Musizierlust.

 

Literaturauswahl

Das Repertoire in einem Jugendchor ist curricular zu strukturieren.

Wichtigstes Kriterium der Werkauswahl ist die kompositorische Qualität, ganz gleich, ob es sich um einen Volksliedsatz oder um ein zeitgenössisches Werk handelt: Da bin ich niemals Kompromisse eingegangen, bin nie dem Mainstream gefolgt. Mein Anliegen war vielmehr, das europäische Kernrepertoire von der Renaissance bis ins 21. Jahrhundert lebendig zu erhalten, und den jungen Sängerinnen zwischen zwölf und 20 mit stets offenen Ohren für deren stimmlich-musikalische Entwicklung sängerische Sicherheit für die stilistische Vielfalt vom einfachen Chorsatz bis hin zum symphonischen Chor-Orchesterwerk zu geben.

A-cappella-Werke aller Stilepochen gehören deshalb zu einem meiner Schwerpunkte in der Chorausbildung, ohne das klavierbegleitete und chorsinfonische Werk zu vernachlässigen. Das A-cappella-Repertoire als die Königsdisziplin der Chormusik stellt hohe Anforderungen an Rhythmik, Intonation, Artikulation, Phrasierung, Agogik, Homogenität des Klangs, Flexibilität der Stimmen, Modulationsfähigkeit des einzelnen Tones, Variabilität der Dynamik. Der Chor ist allein verantwortlich für die ausdrucksstarke Gestaltung der Werke, er kann sich nicht an die Klavier- oder Orchesterbegleitung anlehnen.

Neben den traditionellen Chorwerken galt es selbstverständlich, die zeitgenössische Musik zu fördern. Die jungen Chormitglieder müssen die Komponisten ihrer Generation kennenlernen. Uraufführungen zeitgenössischer Werke steigern die Qualität des Chores enorm und verhelfen zu einem schnelleren Lernprozess in der Erarbeitung traditioneller Literatur, weil sie die Blattsingfähigkeit trainieren.

Unsere CD-Aufnahmen führten dazu, dass weltweit renommierte Komponisten für den Mädchenchor schrieben.
  
Konzerte mit dem ganzen Konzertchor, Ensembles in Salon- und Benefizkonzerten, Umrahmung von Großveranstaltungen,   Solo-Rezitals mit Chormädchen, Mitwirkung bei Orchesterkonzerten des NDR und der Staatsoper, Gottesdienste.

Die Programme interdisziplinär zu gestalten und durch neue Konzertformate ein Publikum zu erreichen, das nicht unbedingt an klassischer Musik interessiert ist, war mein Bestreben. Aus diesen Ideen entstanden neue Chorgenres wie Chorerzählungen nach Grimms Märchen (Komponisten: Alfred Koerppen, Jan Müller-Wieland, Pier Damiano Peretti) und die Choroper »Didos Geheimnis« (Komponist: Andreas N. Tarkmann).
Diverse Konzertformate waren integraler Bestandteil meiner Arbeit,damit der Chor auch für verschiedene gesellschaftliche Anlässe und für ganz unterschiedliche Veranstaltungen gebucht, d. h. engagiert werden konnte: Konzerte mit dem ganzen Konzertchor, Ensembles bei Salon- und Benefizkonzerten, Umrahmung von Großveranstaltungen, Solorezitals mit Chormädchen, Mitwirkung bei Orchesterkonzerten des NDR und der Staatsoper, Gottesdienste.

Mein Fazit: Der Mädchenchor hat das gesamte Originalrepertoire von der tradierten Literatur bis hin zu avantgardistisch-experimenteller Musik zur Aufführung gebracht, mit über 50 Auftragswerken das Repertoire für gleichstimmige Jugendchöre erheblich erweitert, nationale und internationale Wettbewerbe gewonnen. Dennoch bleibt es ungeheuer spannend, Interpretationen immer wieder zu überdenken und zu verändern. Junge Menschen sollen die Musik ihrer Zeit kennenlernen und sie im eigenen Musizieren erleben. Komponisten wie Peter Eötvös, Steffen Schleiermacher, Wilhelm Killmayer, Arvo Pärt, Einojuhani Rautavaara, Toshio Hosokawa, Alfred Koerppen, Manfred Trojahn u. a. haben für den Mädchenchor geschrieben. Chorsingen auf hohem Niveau – und besonders die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Kompositionen – erzeugt im Idealfall ein gemeinsames Streben nach Perfektion. Nicht zuletzt wegen seiner Programme, die sich durch stilistische Vielfalt auszeichnen, wird der Mädchenchor weltweit eingeladen.

 

Zusammenarbeit mit Dirigenten und Ensembles

Horizonterweiterung spielt eine große Rolle in der Chorerziehung junger Menschen. Sie sollen über das eigene chorische Umfeld hinaus den professionellen Konzertbetrieb kennenlernen und in Konzerten mit großem Orchester unter der Leitung namhafter Dirigentinnen und Dirigenten sowie unter Mitwirkung professioneller Solistinnen und Solisten und Ensembles musizieren. Ein besonderes Erlebnis waren 5 Konzerte (2016 und 2019) in der voll besetzten Meistersingerhalle mit den Nürnberger Symphonikern.

In Masterclasses und gemeinsamen Konzerten mit den King’s Singers, mit Voces8, mit Simon Halsey, Saeko Hasegawa u. a. lernten die jungen Mädchen professionelle Arbeit in der A-cappella-Musik kennen. Dies und die Wertschätzung, die sie von den Profis erfuhren, spornten ihre Leistungsbereitschaft und ihr Engagement für den Chor immer stärker an.
Der Mädchenchor wurde immer wieder für repräsentative Aufgaben herangezogen, er erhielt Einladungen zu Konzerten in vielen europäischen und außereuropäischen Ländern.
Von 2000 bis 2019 sangen Terzette des Mädchenchors die Knabenpartien in der »Zauberflöte« unter den Intendantinnen und Intendanten Hans-Peter Lehmann, Albrecht Puhlmann, Michael Klügl.

 

Konzerte und Konzertreisen


Mehr als 70 Konzertreisen führten den Chor in fast alle Länder Europas, in die USA, Israel, Russland, Japan, China, Südkorea, Brasilien, Chile. Wir durften in großartigen Konzertsälen singen: Suntory Hall, Tokyo, Nationaltheater Peking, Gewandhaus und Thomaskirche Leipzig, Kreuzkirche und Frauenkirche Dresden, Elbphilharmonie Hamburg, Konzerthaus Dortmund, WDR Köln, Meistersinger Halle Nürnberg, Bayerischer Rundfunk München, Radio Hilversum Niederlande, Kathedrale Sao Paulo, Palau de la Musica Barcelona, Tianjin Concert Hall, etc.
Da die Mädchen in vielen Ländern bei Gastfamilien wohnten, erlebten sie neben den Konzerten die fremde Kultur des jeweiligen Gastlandes intensiv, es entwickelten sich langjährige Freundschaften.

 

Existenzielle Absicherung


Ein umfassendes vierstufiges Ausbildungssystem wie die Chor- und Singschule Mädchenchor Hannover mit seinem künstlerisch fachkompetenten Mitarbeiterteam Gabriele und Georg Schönwälder, Swantje Bein und den Stimmbildnerinnen Ania Vegry, Claudia Erdmann, Alexandra Dieck, Uta Mehlig und Jörg Erler – benötigt ein professionelles Management: Mit Julia Albrecht und später Johannes Held, Juliane Eichler und Doris Pfeiffer konnte ich ein Team gewinnen, das mit intensiver zuverlässiger Arbeit für ein selbstverständliches Funktionieren der Organisationsstruktur sorgt.
Dem Vorstand und dem Freundeskreis fügte ich die Stiftung Mädchenchor Hannover hinzu. Es gelang mir, ein Netzwerk wichtiger Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Politik für die Besetzung des Kuratoriums zu gewinnen. Die Stadt Hannover und das Land Niedersachsen erweisen dem Chor Wertschätzung durch institutionelle Förderung und durch die Ernennung zum Kulturellen Botschafter der UNESCO City of Music, die großen Stiftungen unterstützen Projekte wie Konzerte, Reisen und CD-Aufnahmen.
Mit Hilfe all dieser Gremien und vieler privater Förderer konnte der Mädchenchor nach einer fünfjährigen Plan- und Bauphase in ein eigenes Chorhaus mit einem hervorragenden Probensaal in der Christuskirche einziehen.
Ein großes Glück ist die Kooperation mit der Hochschule für Musik, Theater und Medien, die durch intelligente Zukunftsplanung und intensive Überzeugungsarbeit der Präsidentin Professorin Dr. Susanne Rode-Breymann zustande gekommen ist.
Nach mehrjähriger Finanzierung der Chorleiter-Nachfolge durch Altkanzler Gerhard Schröder, Frau Doris Schröder-Köpf und Carsten Maschmeyer wird das Land Niedersachsen die Finanzierung des Chorleiters über eine Stiftungsprofessur an der Hochschule übernehmen.
Ich bin sehr froh, dass ich dem Chor neben meiner künstlerischen Leitung eine seriöse finanzielle Grundsicherung, ein eigenes Probendomizil und eine Stiftung schaffen konnte.