Der Chor

Die erste Phase der Ausbildung innerhalb der Chor- und Singschule bildet eine Vokale Grundstufe für Mädchen im Alter von 7 bis 8 Jahren. Der in der Regel einjährige Kurs wird mit einer relativ kleinen Gruppe durchgeführt, die nicht mehr als fünfzehn Mädchen umfassen soll.

Unterrichtszeit (1,5 Stunden pro Woche) und Unterrichtsinhalte basieren auf einer didaktischen Konzeption, die sich am musikalischen Erleben und Verhalten von Kindern dieses Alters orientiert. Dementsprechend steht der spielerische Umgang mit der Stimme, mit Stimmklang, Atmung und Haltung im Vordergrund.

Einfache Kanons, Volks- und Spiellieder bilden das musikalische Repertoire, das noch nicht im Sinne einer Aufführung erarbeitet, sondern durch Bewegung und Körpersprache unmittelbar erlebt und umgesetzt wird.

In gleicher Weise wird Hörerziehung im rhythmischen und melodischen Bereich spielerisch integriert, wobei der bewusste und gezielte Umgang mit Tönen durch die Solmisation, die Tondarstellung anhand von gesungenen Silben und Handzeichen, vorbereitet wird.

Mädchen zwischen 8 und 9 Jahren, die Mitglied im Mädchenchor werden wollen und die Aufnahmeprüfung bestanden haben, selbstverständlich auch solche, die die Vokale Grundstufe durchlaufen haben, werden in die Vorklasse aufgenommen. Diese zweite Stufe der Chorschule besteht in der Regel aus 25 Mädchen, die wöchentlich insgesamt dreieinhalb Stunden Unterricht bekommen.

Chorische Stimmbildung für die gesamte Gruppe vermittelt Grundtechniken des Singens; einfache zwei- und dreistimmige Liedsätze und Kanons sollen an die spätere Chorarbeit heranführen.

Daneben wird in kleineren Gruppen Hörerziehung und elementare Musiklehre angeboten. Sicherheit im Erkennen und Singen von Intervallen, Kontrolle der Intonation sowie das Bewusstsein für einfache rhythmische Strukturen als Grundlagen des Vom-Blatt-Singens sind hierbei die vorrangigen Ziele. Auch auf dieser Altersstufe spielt die Umsetzung in Bewegung eine wichtige Rolle.

Nach der Vorklasse beginnt im Nachwuchschor, der dritten Stufe der Chorschule, die eigentliche Chorarbeit. Die Mitgliederzahl des Nachwuchschors beträgt an die fünfzig, das Alter der Mädchen bewegt sich mit wenigen Ausnahmen zwischen 10 und 14 Jahren.

Der Nachwuchschor probt an zwei Tagen in der Woche je zwei Stunden und organisiert zusätzlich eine kontinuierliche Stimmbildung für die Mädchen in kleinen Gruppen. Er erarbeitet Chorliteratur leichten bis mittleren Schwierigkeitsgrades, im wesentlichen ausgerichtet auf das Darstellungsvermögen von Jugendlichen dieses Alters, teilweise aber auch aus dem Repertoire des Konzertchores und im Vorgriff auf spätere Aufgaben.

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit sind regelmäßige kleinere selbstständige Konzertverpflichtungen zumeist im regionalen Bereich, z.B. die Mitwirkung in Gottesdiensten und bei festlichen Veranstaltungen oder die Teilname an Chortreffen und Konzerten mehrerer Kinderchöre.
Verschiedentlich hat der Nachwuchschor auch in großen Chorwerken mitgesungen, soweit diese den speziellen Einsatz von Kinderstimmen vorsehen (B. Britten, „War Requiem“; J. S. Bach, „Matthäus-Passion“; G. Mahler, Dritte Sinfonie; C. Orff, „Carmina Burana“).

Die Zeit, die ein Chormitglied im Nachwuchschor verbringt, ist nicht genau festgelegt. In gewissen Abständen werden die fortge-schrittenen Mädchen überprüft und bei entsprechendem stimmlichen und musikalischen Entwicklungsstand in den Konzertchor übernommen. Dies geschieht in der Regel im Alter von etwa 13 Jahren, also in der Zeit, in der sich innere Einstellung und Lebensumstände eines jungen Menschen nicht selten gravierend ändern, so dass es natürlich vorkommen kann, dass Mädchen den Nachwuchschor verlassen, ohne in den Konzertchor überzuwechseln.

Der Mädchenchor Hannover gehört zu den weltbesten Jugendchören seiner Kategorie. Der vielfach preisgekrönte Chor genießt in der internationalen Chorwelt ein hohes Ansehen und wurde zu Konzerttourneen in zahlreiche europäische Länder, in die USA, nach Israel, Brasilien, Chile, Russland, Japan und China eingeladen.

In der Nachfolge des Gründers Ludwig Rutt, mit dem sie über 10 Jahre zusammen arbeitete, übernahm Prof. Gudrun Schröfel im Jahr 1998 die alleinige Leitung des Mädchenchor Hannover. Seit dem 1. April 2017 hat der Mädchenchor eine Doppelspitze: Prof. Gudrun Schröfel und Prof. Andreas Felber, dem Künstlerischen Leiter des Chores molto cantabile aus Luzern und Professor für Chorleitung an der Hochschule für  Musik, Theater und Medien Hannover.

Der Mädchenchor ist Preisträger nationaler und internationaler Chorwettbewerbe u.a. des Deutschen Chorwettbewerbs, des Johannes Brahms Wettbewerbs, der BBC Awards, des Chorwettbewerbs der Europäischen Rundfunkanstalten Let the Peoples Sing, des Internationalen Kammerchor-Wettbewerbs Marktoberdorf sowie der internationalen Chorwettbewerbe Guido d’Arezzo und Prof. G. Dimitrov. Beim 9. Deutschen Chorwettbewerb 2014 bestätigte der Mädchenchor erneut seine differenzierte musikalische Gestaltungskunst und seine brilliante Klangqualität durch den 1. Preis.

Der Mädchenchor Hannover hat in seinen Konzerten, CD-, Rundfunk- und Fernsehaufnahmen Maßstäbe für die Bereiche Kinder-, Jugend- und Frauenchor gesetzt. Er ist auf mehr als 20 CDs zu hören.

Das Repertoire des Mädchenchor Hannover umfasst das gesamte Originaloeuvre, das von kompositorisch hochstehenden Adaptionen ergänzt wird und von der tradierten Literatur bis hin in das Feld avantgardistisch-experimenteller Musik reicht. Nicht wenige der exponiertesten zeitgenössischen Komponisten haben dem Chor Werke gewidmet oder von ihm Kompositionsaufträge erhalten: Toshio Hosokawa, Wilhelm Killmayer, Arvo Pärt, Thilo Medek, Steffen Schleiermacher, Alfred Koerppen, Veljo Tormis, Einojuhani Rautavaara, Knut Nystedt, Manfred Trojahn, Wilfried Hiller, Peter Eötvös, Vinko Globokar – um an dieser Stelle nur einige zu nennen.

Für den Mädchenchor Hannover sind Präzision des Notentextes und Homogenität des Chorklanges Selbstverständlichkeiten; Stil- und Intonationssicherheit verbinden sich mit einer variantenreichen Palette stimmlicher Ausdrucksmittel. Die prägnante Aussprache sorgt auch in verdichteten Strukturen für Textverständlichkeit. Die lockere, brilliante Höhe der Sopran- und die kraftvoll fundierten Altstimmen zielen auf ein spannungsvolles Musizieren, das sinnlichem Wohlklang nicht akademisch aus dem Wege geht.

Der Mädchenchor ist Träger der Hannoverschen Stadtplakette und wurde mit dem Bernhard Sprengel Preis für Musik sowie dem Niedersachsenpreis für Kultur ausgezeichnet.